Dieser Beitrag ist Teil 2 von „Ich will nicht heilen!”

Wenn wir davon sprechen, welches Ziel wir verfolgen, wenn wir uns heilen oder an uns arbeiten, dann geht es für mich persönlich darum ganz zu werden.

Ich habe dir im vorherigen Teil schon gesagt, ich möchte gerne mit allem, was ist und noch kommt umgehen können. Dazu sollte ich sagen: theoretisch oder in meinen besseren Phasen.

Denn jetzt gerade, während ich das schreibe, klingt das gerade viel zu groß für mich. Jetzt gerade wäre ich schon froh, wenn ich mit dem umgehen könnte, was jetzt gerade da ist. Schon das fällt mir schwer.
Und das, obwohl nichts passiert ist.

Manchmal kommt es mir so vor, als könnte ich besser umgehen, wenn etwas Schlimmes passiert.
Dann darf ich traurig sein und mir Zeit nehmen.
Oder ich such mir Hilfe, weil ich weiß, dass es für mich alleine viel ist.
Doch wenn diese Sinnlosigkeit langsam und unauffällig von hinten in mein Leben kriecht, dann erlaube ich mir das nicht im selben Ausmaß.
Dann gibt es immer auch Stimmen, die sagen, dass ich damit doch schon zurecht kommen sollte.
Dass ich doch weiß, woran es liegt und halt mehr tun sollte, dann wir das schon wieder weggehen. (Das stimmt nicht, aber die Stimmen sind trotzdem da.)
Dass ich halt was Sinnvolles tun soll, dann geht auch die Sinnlosigkeit weg. (Das stimmt nur kurz, dann bin ich ausgelaugter als vorher, doch die Stimmen sind dennoch da.)
Es gibt Stimmen der Enttäuschung, weil es sich vor 2 Wochen so angefühlt hat, als wären diese Gefühle für immer überwunden. (Doch sie kommen immer wieder.) Und es gibt Stimmen, die mir sagen, dass das wirklich alles keinen Sinn macht. Alles, was ich mir erträume ist völlig unrealistisch und viel zu weit weg. Und das Leben unnötig anstrengend. Ohne Relation zu den wenigen, wirklich schönen Zeiten. (Die hören sich am passendsten, am vertrautesten und auch am liebevollsten an.)

Warum schreibe ich dir das, wenn ich gerade übers Ganz-Sein sprechen möchte?

Warum, wenn ich mich auf meiner Webseite als deine vertrauensvolle Begleiterin positionieren will, die mit dir auf alle möglichen Entdeckungsreisen geht? – Ein Teil von mir würde diesen Absatz lieber auslassen.

Weil es da ist. Jetzt während ich schreibe.

Weil auch das ein Teil vom Ganzen ist.

Und weil ich dir nichts vormachen will. Weder, dass ich perfekt bin und alles überwunden habe, noch, dass du alles für immer hinter dir lassen wirst.

Ich will nicht ausschließen, dass das passieren könnte. Ich will überhaupt nichts ausschließen. Doch das kann nicht der Grund sein, warum wir unseren Weg gehen. Ist das der Grund, ist Enttäuschung vorprogrammiert.

In meiner Arbeit habe ich gesehen, dass Menschen ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt haben, nach einer einzigen Entdeckungsreise. Doch das ist die Ausnahme. Nachhaltig passiert das nur, wenn du dazu bereit bist. Wenn jetzt der Moment ist, wo das für dich dran ist. Und an dem waren diese Menschen gerade. Wir können einen Ausflug dorthin machen und uns mal umsehen. Wir können alles dafür bereit machen. Aber wir können es nicht erzwingen.

Dennoch bin ich überzeugt, dass jede Reise, jeder Prozess, durch den ich gegangen bin, mich verändert hat.

Zusätzlich übe und lerne ich jedes Mal, mich zu halten und für mich da zu sein. Jedes Mal komme ich ein bisschen mehr bei mir an.
Jedes Mal gebe ich mir Raum, um mich auszudrücken.
Und jedes Mal integriere ich etwas in mein Leben. Egal wie groß oder klein.

So komme ich mir selbst näher. Meinem ganzen Selbst.

Darum geht es für mich. Unsere Ganzheit, unsere Vollkommenheit, zu erkennen und zu akzeptieren.

Da stockt es kurz in meinem Körper.
Das Erkennen kann ich gar nicht richtig greifen. Dass ich bereits alles bin, es nur nicht sehen kann, das ist so groß, so abstrakt. Doch wenn ich mir vorstelle,

meine Vollkommenheit zu akzeptieren,

meldet sich sofort ein Widerstand. Nichts Greifbares. Eine kleine Anspannung. Ein Druck in der Kehle.

Offenbar gibt es in mir einen Teil, der mit der Idee, ganz zu sein noch nicht ganz einverstanden ist. Und dieses Gefühl kann schon als Einstieg in eine Entdeckungsreise genutzt werden. Um wieder einen Teil des Ganzen kennenzulernen.

Lange dachte ich, ich müsste Dinge, die nicht zu mir gehören loslassen oder von mir abspalten, um ich selbst zu sein. (Das Ego..)

Heute fühle ich, dass ich alles sehen möchte, um ganz ich selbst zu sein.

Vielleicht kennst du die meditative Einladung zur Selbsterforschung, bei der man sich jeden Tag die Frage stellt: Wer bin ich?
Sie geht auf Ramana Maharshi zurück, was ich nicht wusste, als ich mich damit beschäftigte. Ich habe auch nie eine Antwort bekommen.
Doch die Frage Was bin ich? löst bei mir sofort etwas aus.
Ein Wissen: alles und nichts.

Loslassen zu müssen hat in mir immer ein wenig Druck ausgelöst.
Alles anzunehmen fühlt sich für mich harmonisch an.

Dazu möchte ich noch anmerken, dass Annehmen keineswegs bedeutet, dass ich mir erlaube, alles auszuleben. Ich muss niemanden verprügeln, um zu akzeptieren, dass es in mir einen Teil gibt, der das manchmal will. Im Gegenteil, dadurch, dass ich meine Gewalttätigkeit in einem geschützten Raum erforsche und kennenlerne, indem ich sie akzeptiere und auch willkommen heiße – es gibt auch Situationen, in denen sie mein Leben retten kann – kann ich sie besser abschätzen und auch mit ihr kommunizieren, wenn sie mich früher vielleicht übermannt hätte.

Das ist nicht nur für die Seite, die Gewalt verspürt, der sicherere Weg, sondern auch für die, die auf der Empfängerseite steht. Als eher zierliche Frau ohne Kampferfahrung möchte ich auch erwähnen, dass ich mich mit einem Mann, der seine Kraft kennt und bewusst zulassen kann, deutlich sicherer fühle, als mit einem, der sie unterdrückt.

Die Frage nach dem Was bin ich? war für mich so bedeutend, dass ich die Antwort darauf in mein Logo gepackt habe.

Ich glaube, ich bin alles.
Alles, was ich an mir verabscheue und alles, was ich an mir liebe.
Alles, was ich kenne und auch alles, was ich mir gar nicht vorstellen kann.
Wenn ich sowohl alle Grausamkeiten als auch die größten Freuden empfinden kann.
Wenn ich wirklich alles sein kann.
Dann bin ich ganz.
Dann bin ich heil.
Und ja, ich gebe auch denen recht, die sagen, dass wir das alles nicht sind.

Denn kann ich alles sein, kann ich auch nichts sein.
Erst wenn ich etwas in mir voll akzeptiert habe, kann ich auch dankend ablehnen.